Auf die Initiative einer Privatperson hin entstand vor 40 Jahren das Sorgentelefon für Kinder. Eine gute Idee und im Interesse der Kinder, wie sich zeigen sollte. Am 20. Januar 1978 nahm sie ihren Anfang. Und auch nach vielen turbulenten Jahren, nach vielen Hochs und Tiefs ist das Sorgentelefon immer noch aktiv. Auch nach 40 Jahren ist das Sorgentelefon gefragt, haben die Kinder Fragen und wollen Antworten. Zeit für einen Rückblick.

Seit 40 Jahren gibt es nun das Sorgentelefon für Kinder. Erdacht und aufgebaut wurde es von Heinz Peyer. Ausgang war ein Roman von Heinz Peyer über ein Kind, das sich in seiner Not per Telefon an eine Kinderhilfestelle gewandt hatte. Anlässlich einer Schulvorlesung fragten die Kinder nach der Nummer des im Roman beschriebenen Hilfetelefons. Das Angebot einer telefonischen Beratung für Kinder existierte damals aber nicht; es gab es auch keine entsprechende Telefonnummer.

Heinz Peyer erkannte das Bedürfnis eines Hilfetelefons, das speziell auf Kinder ausgerichtet war. Es gab solche Angebote bisher nur für Erwachsene. So war die Initiative einer Privatperson nötig, um auch für Kinder ein entsprechendes Angebot einzurichten. Am 20. Januar 1978 nahmen Heinz Peyer und Marianne Peyer den Betrieb des schweizweit ersten Sorgentelefons auf, das sich an Kinder richtete. Heinz Peyer hatte früh erkannt, dass das Telefon eine immer grössere Rolle im täglichen Leben der Kinder spielen wird. In Zukunft würden sie öfter über das Telefon kommunizieren. Das Angebot sollte zunächst für ein Jahr in Betrieb sein, danach wollte Heinz Peyer abwägen, ob das Sorgentelefon weitergeführt werden soll. Es zeigte sich, dass ein Bedürfnis nach einem Sorgentelefon für Kinder vorhanden war. Heinz Peyer entschied sich, mit dem Sorgentelefon weiterzufahren und die Einrichtung auszubauen. Ab dem 1. Januar 1992 war das Sorgentelefon auch über eine Gratis-Nummer ("grüne Nummer") erreichbar, die Kinder mussten nun in der Telefonkabine kein Geld mehr einwerfen um mit der Telefonberatung sprechen zu können.

Mit seiner zupackenden Art und seinem grossen Einsatz für Kinder war Heinz Peyer nicht überall gerne gesehen. Seit dem Start des Sorgentelefons ist er immer wieder von verschiedenen Personen in seiner Arbeit behindert worden. Ehemalige Mitarbeiter hatten schon zu Beginn der 80er-Jahre versucht, Heinz Peyer Steine in den Weg zu legen und eigene Beratungsangebote zu lancieren. Viele waren der Meinung, es besser zu können und zu machen. Der Sorgentelefon-Gründer bezeichnete diese Aktivitäten als "Theater ohne grosse Zukunft". Mehrfach wurde versucht, ihn aus dem Sorgentelefon zu vertreiben und die Einrichtung zu schliessen.

Trauriger Höhepunkt in dieser Hinsicht war der Konkurs der Stiftung Sorgentelefon für Kinder im Juni 1992. Die äusseren Umstände und die Geschwindigkeit in der sich dies zugetragen hat, lassen auch heute noch viele Fragen offen.

Mehrere Institutionen wollten aus den Wirren um den Konkurs Profit schlagen. Überraschend schnell waren sie mit eigenen Lösungen zur Stelle, um sich als Nachfolger des Sorgentelefons zu positionieren. Ehemalige Sorgentelefon-Mitarbeiter hatten schon vier Tage nach Konkurseröffnung einen Verein gegründet, um einen eigenen Dienst aufzubauen. Wie ein Nachfolge-Hilfswerk auszusehen hatte, darüber bestanden unterschiedliche Meinungen und Ansichten. In der Folge gab es viele Vorschläge, zwei Konzepte blieben am Ende übrig. Die Einen konnten breite Unterstützung hinter sich versammeln, der neu gegründete Verein war aber bereits im Besitz der damaligen Sorgentelefon-Nummer. Der Streit über die Ausrichtung eines zukünftigen Hilfetelefons ging weiter.

Beide Nachfolge-Hilfswerke gibt es heute nicht mehr. Ihre Aktivitäten waren rückblickend gesehen von eher kurzer Dauer.

Das eine Hilfswerk hatte seine Tätigkeit erst im Oktober 1994 aufgenommen. Die grosse Bekanntheit der damaligen Sorgentelefon-Nummer sorgte für hohe Anrufzahlen. Neun Monate später wurde der Betrieb wegen finanziellen Problemen eingestellt. Nach der Betriebseinstellung wurde die damalige Sorgentelefon-Nummer nicht mehr genutzt. Sie wurde nicht mehr neu vergeben, wer die Nummer übernehmen wollte wurde abgewiesen.

Das andere Hilfswerk hatte seine Tätigkeit unter grossem Medienbeifall im April 1993 aufgenommen und wurde von vielen Unterstützern begleitet. Gleichzeitig wurde das Konzept der kostenpflichtigen Telefonnummer eingeführt. Die Beratung war damit für die anrufenden Kinder nicht mehr unentgeltlich. Nach der anfänglichen Euphorie wurde schon bald klar, dass das Angebot von den Kindern kaum genutzt wurde. Nach einigen turbulenten Jahren (die begleitet waren von internen Querelen über die weitere Ausrichtung) ging auch dieses Hilfswerk in einer Nachfolgeorganisation auf. Es hatte etwas mehr als fünf Jahre überdauert.

Das Sorgentelefon für Kinder wiederum hatte nach der Einstellung durch den Konkurs seinen Betrieb im September 1993 wieder aufgenommen. War das Sorgentelefon zuvor als Verein und danach als Stiftung organisiert, sollte nun eine GmbH als Träger firmieren. Dies als Zeichen für kurze Entscheidungswege und dass gespendete Gelder effizient eingesetzt werden. Das Konzept der Gratisnummer blieb bestehen. Einzig die Telefonnummer hatte sich geändert, erst auf die damalige 155 42 10 und danach auf die bis heute gültige Gratisnummer 0800 55 42 10.

Heinz Peyer war der festen Überzeugung, dass für Kinder die Beratung gratis sein muss. Nur so konnten die Kinder umgehend Unterstützung erhalten, wo immer sie sich gerade befanden. Einzig eine Telefonkabine musste in der Nähe sein. Der Betrieb des Sorgentelefons wurde in den Folgejahren sukzessive wieder aufgebaut. Die neue Gratisnummer wurde gut aufgenommen. Auf der Finanzierungsseite folgten einige holperige Startjahre, wovon sich Heinz Peyer allerdings nicht beirren liess. Er glaubte an die Idee einer kostenfreien und unabhängigen Beratungsstelle für Kinder. Und er hatte erlebt, wie Kinder gesellschaftliche Veränderungen erleben, bevor die Erwachsenen damit konfrontiert werden.

Im September 2003 folgte ein schwerer Schicksalsschlag: Beim Sorgentelefon-Gründer Heinz Peyer wurde Krebs diagnostiziert. Die Ärzte gingen davon aus, dass er noch 6 Monate zu leben hatte. Nach 1,5 Jahren hatte Heinz Peyer den Kampf gegen die Krankheit verloren. Am 9. März 2005 war er für immer eingeschlafen. Seine Familie entschied sich nach eingehenden Beratungen und Abwägungen dazu, das Sorgentelefon im Sinne des Gründers weiterzuführen. Auch unabhängig von der Person Heinz Peyer wurde das Sorgentelefon und sein Beratungsangebot nach wie vor genutzt. Motiviertes Personal, das die Einrichtung weiterhin unterstützten konnte und wollte, stand zur Verfügung. Es war jedoch von Anfang an klar, dass der Gründer fehlen würde. Der Betrieb wurde weitergeführt, wenn auch im kleineren Rahmen. Es hatte sich im Lauf der Jahre gezeigt, dass uns auch auf diesem Weg genügend Freunde und Gönner unterstützten. Und so ist das Sorgentelefon auch zu seinem 40jährigen Jubiläum noch aktiv.

Die anrufenden Mädchen und Jungen bewiesen im Laufe der Jahre immer wieder eindrücklich, wie sie durch ihre kindliche Wahrnehmung bestimmte Dinge früher als mögliche Schwierigkeit erkennen und benennen als die Erwachsenen. Beispielsweise betrafen die schulischen Probleme zu Beginn der 90er Jahre vermehrt Übergriffe oder Gewalt. Einige Jahre später klagten die Kinder häufiger über die vielen Hausaufgaben. Um das Jahr 2000 berichteten Kinder von einer Angst vor der Schule, in Verbindung mit Angstsymptomen (bspw. Magenschmerzen morgens vor der Schule, Schlafprobleme). Nach der Jahrtausendwende verlagerten sich die Probleme im Zusammenhang mit Schule in Richtung Überforderung, Angst vor Schulversagen und Angst die Erwartungen der Eltern sowie der Lehrer zu enttäuschen. Bis heute haben die Probleme und Symptome der Kinder weiter zugenommen.

Kinder haben auch nach 40 Jahren immer noch Fragen und wollen Antworten. Wie sie sich diese Informationen beschaffen, hat sich jedoch geändert. Das Telefon ist schon lange nicht mehr das einzige Kommunikationsmittel und Informationsquelle. Auch darauf hat sich das Sorgentelefon eingestellt, nebst SMS wird auch E-Mail zur Beratung genutzt. Auch über das Internet können sich die Kinder heute gezielt Informationen beschaffen. Nur in sozialen Netzwerken ist das Sorgentelefon auch heute nicht beratend aktiv: Dies als Vorsichtsmassnahme. Fragen und Probleme der Kinder sind Privatsache und gehören nicht in die Öffentlichkeit.

Aber auch in der Gesellschaft hatte ein Umdenken stattgefunden. Kinder von damals sind erwachsen geworden. Diese hatten sich aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen für die jüngere Generation eingesetzt und auch Verständnis für die damaligen Probleme entwickelt. Die Einsicht hat sich durchgesetzt, dass auch Kinder ernst genommen werden müssen. Sie haben heute mehr Rechte als noch vor vierzig Jahren. Es tut gut zu sehen, dass Kinder heute viele verschiedene Anlaufstellen zur Verfügung haben und aussuchen können, von wem sie sich helfen lassen wollen.

Wir danken unseren Freunden und Gönnern, die das Sorgentelefon auf diesem Weg unterstützt haben und es immer noch unterstützen.

Ebenso danken wir den Kindern, die sich an das Sorgentelefon gewandt haben, für das entgegengebrachte Vertrauen: Sei es in den vergangenen Jahrzehnten, heute oder in der Zukunft.


Sorgentelefon für Kinder

Marianne Peyer
Daniel Peyer
…und das Beratungsteam des Sorgentelefons

● Sorgentelefon für Kinder ● 0800 55 42 10 ● www.sorgentelefon.ch ●